Händel in Saigon

Ein Montag Vormittag Ende April. Saigon, Nguyen-Du-Straße. Auf dem Gelände des Musikkonservatoriums  der Stadt ist das übliche geschäftige Üben angesagt, das ein Gewirr von Klängen der verschiedensten Instrumente durch die mit Mopeds gesäumte Gasse zwischen den Gebäuden schallen lässt. Als ich die Treppe hinaufgehe, die im Block C in den dritten Stock führt, sitzt dort ein junger Posaunist, vertieft ins Einüben eines Musikstücks auf dem Notenständer vor ihm. Ich suche Raum C32 in dem am Morgen der Workshop mit den Musikern der Camerata Orientis – einem freien Ensemble aus 5 Musikern, Gerhard Anton Isselhardt (Querflöte, BRD), Markus Gundermann (Violine, BRD), Nam-Joo Lee (Sopran, Korea), Hye-Jin Lee (Piano, Korea) und Vladimir Stoyanov (Fagott, Bulgarien) – stattfinden soll und werde schnell fündig.

Als ich den Raum betrete, sind die Proben gerade in vollem Gange. Die vietnamesische Studentengruppe mit Musikern an Piano, Fagott,  Querflöte und einer Sängerin unterbricht ihr Spiel und schaut mich erwartungsvoll an. Im selben Augenblick kommt aus der anderen Ecke des Raumes ein europäisch aussehender Mann um die 50 auf mich zu, sein Schnauzer und ein fortgeschrittener Bauchansatz fallen ins Auge, er spricht mich auf deutsch an und stellt sich vor als Anton Isselhardt. Ich stelle mich ebenfalls vor und setze mich. Die Probe geht weiter, auf dem Programm stehen deutsche Arien aus der Barockzeit von Georg Friedrich Händel, die während des Workshops von drei Teams aus Lehrern und Schülern des Konservatoriums erarbeitet werden sollen. Was nun gesungen wird kommt mir bekannt vor, denn ich hatte im Vorfeld bereits mit den Sängerinnen – allesamt Lehrerinnen für klassischen Gesang – die Aussprache der deutschen Texte im Goethe-Institut Ho Chi Minh City geübt.

Das Spiel des Quartetts wird bis zur Mittagspause noch einige Male unterbrochen, das Zusammenspiel der einzelnen Stimmen klappt noch nicht wie gewünscht. Anton widmet sich besonders der Querflötistin, die ein wenig verunsichert und nervös wirkt – vielleicht vor allem, weil es ihr schwerfällt, Antons regelmäßige scherzhafte Bemerkungen als solche einzuordnen – und gleichzeitig jeden Hinweis zur Verbesserung ihres Spiels mit großer Bedachtheit aufnimmt und sich größe Mühe gibt, alle Anweisungen umzusetzen.

Gegen 12 Uhr machen alle Beteiligten wohlverdient Kaffeepause im Innenhof des Konservatoriums. Ich habe Gelegenheit andere Mitglieder der Camerata kennen zu Lernen. Nam-Joo und Hye-Jin sind gebürtig aus Korea, mit deutscher Musikausbildung, leben zur Zeit wie Anton in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh.  Zwei weitere Mitglieder des Ensembles kämen am Nachmittag aus Kuala Lumpur noch dazu, wie Anton verkündet. Weiterhin erzählt er unter anderem vom Arbeiten und leben in Kambodscha, der art+ Foundation - einer Organisation zur Förderung westlicher klassischer Musik – bei der er tätig ist, und dass er das Deutsch Sprechen manchmal ziemlich vermisst.

Nach dem Mittagessen finden am Nachmittag sowie am nächsten Vormittag wieder Proben statt. Nun ist die Camerata Orientis vollständig und teilt sich auf, um parallel mit den drei Teams zu proben. Es fällt auf, dass der Schwerpunkt während der Proben weniger auf die Verbesserung der technischen Fähigkeiten der Workshopteilnehmer liegt, sondern viel mehr darauf, ein Gefühl für die Musik und das Zusammenspiel zu entwickeln. Beim Hineinschnuppern in die Arbeit mit den verschiedenen Teams treffe ich somit wieder auf die Gruppe vom Vortag, die reichlich irritiert und zuerst etwas widerwillig scheint als Anton von ihnen verlangt die Instrumente beiseite zu legen, sich im Kreis zu setzen und gemeinsam die vorliegende Arie zu singen, dabei aufeinander zu hören. So unkonventionell ihnen diese Maßnahme vorkommen mag, sie scheint zu helfen, denn im weiteren Verlauf der Probe sind die Einsätze plötzlich richtig, das Tempo aufeinander abgestimmt.

Am Dienstagnachmittag, dem zweiten Workshoptag, können die Musiker des Konversatoriums dann auch präsentieren, was sie in 2 Tagen hart erarbeitet haben. Im kleinen Saal gibt es ein Workshopkonzert aller Teilnehmer und zahlreicher Zuhörer aus dem Konservatorium.  Den Abschluss der Workshopwoche bildet am Freitag, dem 23. April 2010, ein Konzertabend im grossen Saal des Konservatoriums, bei dem sich die Camerata Orientis selbst die Ehre gibt. Vor übervollem Haus mit weit mehr Zuhörern als den 400 vorhandenen Sitzplätzen präsentiert das Ensemble Händels “9 deutsche Arien” sowie vier Sonaten und eine Kantate.

Bei dem Gedanken europäische Barockmusik nach Vietnam zu bringen können einem durchaus Fragen kommen: Kann das gut gehen? Gibt es überhaupt ein Publikum für derartige Musik?  Das übervolle Haus an diesem Abend mit überwiegend jungen Vietnamesinnen und Vietnamesen gefüllt liess nach dem Konzert jegliche Zweifel  restlos beseitigt – und so freut sich das Goethe-Institut Saigon bereits auf die nächste Zusammenarbeit mit deutschen Musikern und dem Konservatorium.

von Ulrike Schilling

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